Im September ließ ich mich dann aus Verzweiflung auf das Anorexie-Programm in Havelhöhe ein. Am Anfang bekam ich von der großen Essensmenge Durchfall und wurde krank. Ich wurde in den ersten Wochen aber schlecht kontrolliert und aß immer nur so viel, wie ich Appetit hatte, in der Anfangszeit sehr wenig, wodurch ich sogar noch Gewicht verlor, da meine Verdauung mit verstopfenden Essen besser funktionierte und ich viele Brötchen aß, konnte ich die Nahrungsmenge immer weiter steigern, bis ich mir sogar in der Küche ausliegende Brötchen zusätzlich zum Essen nahm und in kurzer Zeit sehr viel Gewicht zunahm.

In dem Essvertrag stand sogar, dass zusätzliches Essen erlaubt sei, das Menu bestand aus kaum 2000 kcal, dazu kam, dass ich keinen raffinierten Zucker metabolisieren konnte und die Tierprodukte aus ethischen Gründen bzw. aus Prinzip niemals aß.

Ich nahm in einer Woche drei Kilogramm Gewicht zu, und berichtete Der Ärztin, dass ich mich nie an den Essensplan gehalten hatte. Daraufhin entschied der Oberarzt Dr. Buchwald, dass ich mich von nun an streng an den Essensplan halten musste. Die Ernährungsberaterin in der Charité hatte mir einen Energiebedarf von 2900 kcal errechnet, während in Havelhöhe jeder Essgestörte die gleiche Essmenge bekommt und auch gleich am ersten Tag alles aufessen muss, was ernährungsphysiologisch ziemlich schädlich ist. Ich bekam ein Küchenverbot und konnte in den folgenden Tagen nur noch deutlich weniger essen und es war sehr frustrierend, dass ich jetzt wo meine Verdauung besser war als seit Jahren, ich nicht so viel essen durfte, wie ich Appetit hatte. Der Hunger trieb mich dann dazu, dass ich mir doch wieder extra Brötchen nahm, was von der Oberschwester entdeckt wurde und ich dafür die Rote Karte bekam. Das war ein sehr demoralisierendes Erlebnis.

Nachdem ich zuletzt Akteneinsicht beantragt hatte, wurde die Herausgabe von Dr. Buchwald erst ein Monat verschleppt, dann fehlten die drei entscheidenden Seiten aus diesem Zeitraum, und gerade an dem Tag fuhren Dr. Buchwald und die zuständige Sekretärin für zwei Wochen in Urlaub.

Herr S. zweifelt die Diagnose tendentiell [nicht tendentiell, kategorisch!] ab, beschreibt jedoch aus eigener Sicht die schlechte körperliche Verfassung und das starke Untergewicht. Eine psychosomatische Ursache schließt der Patient als Ursache seiner Krankheit nicht aus.

Subjektiv imponieren vor allem Verdauungsbeschwerden in Form breiiger bis wässriger Stühle nach Aufnahme von zu viel bzw. für ihn subjektiv schwer verdaulicher Nahrung. Er selbst beschreibt seine Erkrankung als "Verdauungsblockade".

Selbst induziertes Erbrechen, Laxanzien- oder Diurektikaabusus habe zu keiner Zeit bestanden.

Therapie und Verlauf:

Mit Hr. S. wurde ein Therapievertrag abgeschlossen, in dem er sich zu einer Gewichtszunahme von mind. 500 g/Woche verpflichtete. Er erhielt ein Diättraining innerhalb eines vorgegebenen Mahlzeitensettings, in dem er durch die Ernährungstherapeutin [Fr. Stein, eine "ehemalige" Magersüchtige, die aber offensichtlich einen Rückfall hatte. Als ich letzten Monat in Havelhöhe von Dr. Buchwald als "Fehleinweisung" nach Hause geschickt wurde, weil er sich nicht mit mir auseinandersetzen wollte, war es immerhin eine kleine Genugtuung, dass ich inzwischen einen höheren BMI als die Ernährungstherapeutin habe] begleitet wurde.

Darüber hinaus erfolgte in Form von künstlerischen Therapien, äußeren Anwendungen und psychotherapeutischen Gesprächen eine Unterstützung zur Bearbeitung des Ambivalenzkonfliktes und zur Verbesserung der Körperwahrnehmung und des Körpergefühls.

Unter dem genannten Therapiesetting konnten Herr Steuber insgesamt 1,4 kg zunehmen, wobei währen des Aufenthaltes sehr starke Gewichtsschwankungen von Tag zu Tag beobachtbar waren. [bevor man mir verboten hatte, zusätzlich Brötchen zu essen, war mein Gewicht über 51 kg gewesen!] Das Entlassungsgewicht betrug 48,6.

Das psychiatrische Konsil ergab keinen eindeutigen Anhalt für einen bestehenden Wahn, bestätigte jedoch die vorliegende schwere Depression des Patienten.

Der Ambivalenzkonflikt war während des gesamten stationären Aufenthaltes deutlich spürbar. Einerseits wünschte sich Herr S. Unterstützung hinsichtlich seiner von ihm selbst wahrgenommenen "Verdauungsblockade", auf der anderen Seite zweifelte er die Diagnose tendentiall an.

Des Weiteren hatte Herr S. Schwierigkeiten in der Annahme und Einhaltung der Regeln im Rahmen unseres Therapiesettings, so dass es nach 3-madigem [die Rechtschreibung habe ich original übernommen, ich betone aber, dass mir Menschen, die keinen Wert auf korrekte Rechtschreibung legen, sehr sympathisch sind, wahrscheinlich war die anthroposophische Ärztin eine ehemalige Waldorf-Schülerin] Regelverstoß zur Entlassung des Patienten kam. Im Abschlussgespräch kommunizierte Herr S., dass es für ihn sehr schwierig sei, Regeln zu befolgen, die er für sich selbst nicht als sinnhaft erlebt, versteht jedoch auf der anderen Seite die Notwendigkeit bestehender Regeln und Vorgaben zu öffnen, um seine Erkrankung zu behandeln.

Mir wurde ein Platz in der Ananke-Klinik in Passau vermittelt, wo wie mir gesagt wurde, man sich selbstständig am Buffet bedienen kann und nicht bevormundet wird. Es stellte sich jedoch als das Gegenteil heraus, Neuankömmlinge bekamen in der ersten Woche kein Obst/Rohkost und nur fettiges versalzenes, gezuckertes Essen, was für mich der absolute Horror war. Auch hier wurde ich gezwungen, gegen meine ethischen Überzeugungen Tierprodukte zu essen. Auch hier funktionierte der Esszwang nicht, nach einigen Tagen war ich wieder so appetitlos, dass ich abbrechen musste, wofür ich von meiner Familie wieder sehr viel Vorwürfe bekam.

Ananke-Klinik 30.10.2013

Herr S. war in unser Esskonzept mit regelmäßiger Teilnahme am Phasetisch integriert. Das Gewicht veränderte sich von 49,4kg auf 48,9kg bei Entlassung. Es gelang Herr S. nicht sich in das stationäre Setting einzufügen. Er geriet immer mit den Regeln am Phasetisch in Konflikt, da ihm diese unsinnig erschienen. Auch wurden immer wieder Kognitive Dysfunktionen über die Wirkungen des Essens deutlich, von denen sich der Pat. nicht distanzieren konnte. Zudem geriet er wiederholt in Konflikt mit anderen Pat. [Ich wechselte kaum ein Wort mit den Magersüchtigen. Diese fühlten sich von mir bedroht, da ich ein ganz anderes Krankheitsbild hatte, und dort nicht reinpasste. Ich wurde von ihnen gemobbt, einige nahmen mir es mir übel, weil ich darauf verwies, dass der Käse (Lab) und der Joghurt (Gelatine) nicht vegetarisch seien, und man mich nicht zwingen könnte, tote Tiere zu essen] , da er sich nicht integrieren konnte. Wir haben deshalb dem Wunsch des Pat. nach vorzeitiger Entlassung entsprochen.

Weil die Situation bei meinen Eltern immer angespannter wurde und ich mehrere Tobsuchtanfälle hatte, weil sie kein Verständnis hatten und mir nur Vorwürfe machten, ging ich das erste Mal auf die TWW-Psychiatrie.

06.12.13 Psychiatrie Theodor-Wenzel-Werk

Wir sahen einen wachen. bewusstseinsklaren und zu allen Qualitäten voll orientierten 32jährigen Patienten. Mnestik intakt, Auffassung reduziert, Konzentration deutlich reduziert, Antriebe reduziert. Formales Denken geordnet, verlangsamt. Kein Anhalt für Ich-Störungen und Sinnestäuschungen. Wahn: Nicht sicher beurteilbar, kob nicht doch Wahnvorstellung bezüglich Verdauung vorliegt. Stimmung deutlich niedergeschlagen, verzweifelt.

Unter der niedrig dosierten Olanzapin-Medikation kam es zu keiner Besserung der Symptomatik. Herr S. gab an, einen Platz in der Abteilung für Psychosomatik des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe zur Behandlung seiner Essstörung zu haben. Er wolle gerne auch eher dort stationär aufgenommen werden.

Nach telefonischer Auskunft des Sekretariats der Abt. für Psychosomatik des Gem. Havelhöhe sei frühestens im März 2014 eine Aufnahme möglich.

Danach ließ ich mich aus Verzweiflung und mangelnder Alternativen noch einmal auf das Anorexie-Programm in Havelhöhe ein, wo mir eine feindselige Stimmung entgegen schlug, weil ich schon den Ruf eines extrem schwierigen untherapierbaren Patienten hatte. In den ersten Tagen entwickelte ich vom vielen Essen wieder so starke grippale Symptome, dass ich abbrechen musste.

16.12.2013 Havelhöhe

Diagnosen:

Atypische Anorexia Nervosa, DD Wahnhafte Störung

Anamnestisch Depression

V.a. Persönlichkeitsstörung

Kürzlich war der Patient in der Ananke Klinik in B. F. stationär gewesen, habe sich dort aber nicht in das Konzept einfügen können. Im Anschluss sei er nochmals im Theodor-Wenzel-Werk stationär gewesen. Bei V.a. Wahnvorstellungen habe man ihm eine Behandlungen mit Behandlung mit Psychopharmaka empfohlen. Der Patient selber habe die Vorstellung, dass sein Verdauungssystem unter erhöhter Nahrungsaufnahme und Kalorienzufuhr zu stark belastet sei und er dadurch an Gewicht verlieren würde. [was Ärzte nie verstanden haben ist, dass ich meine Verdauungskapazität natürlich kurzfristig überlasten kann, langfristig sie dadurch aber noch geringer wird. Eine Analogie ist, dass wenn man bei einem Marathon die ersten Kilometer sprintet, man wahrscheinlich auf der Strecke bleibt und niemals ins Ziel kommt] Die Diagnose von Wahnvorstellungen zweifelte er an, weshalb er aktuell auch keine Behandlung mit Psychopharmaka wünschte. Da er aktuell sehr verzweifelt sei, habe er sich nun erneut auf unser Anorexie-Programm mit dem Ziel einer Gewichtszunahme eingelassen.

Therapie und Verlauf:

Der Patient erhielt regelmäßige Gespräche mit unserer Ernährungstherapeutin. Der Diätplan sah eine Mindestkaloriemenge von 2.200 kcal am Tag vor. Bei Aufnahme sahen wir ein Gewicht von 50,1 kg gegenüber 48,6 kg bei der letzten Entlassung 2013. Nach nur wenigen Tagen bestand ein deutlicher Ambivalenzkonflikt. Der Patient gab an, sich mit unserem Anorexie-Programm nicht anfreunden zu können. Er habe das Therapieangebot nur wahrgenommen, weil es das kleinere Übel gewesen sei und er keine Alternative gehabt habe. Er gab an die Portion hier aufgegessen zu haben, obwohl er der Annahme sei, das er sich dabei krank essen würde. Durch die erhöhte Kalorienzufuhr würde sein Verdauungssystem überlastet sein und er eher an Gewicht verlieren als zunehmen. Initiiertes Erbrechen wurde verneint [um den Bulimie-Unterstellungen entgegenzuwirken, war ich freiwillig eine halbe Stunde nach dem Essen im Essensraum geblieben]. Das gemessene Gewicht im Verlauf zeigte eine Gewichtsabnahme von 1,5 kg seit der Aufnahme [genauer genommen nach dem 1. Tag]. Hr. S. war nun der Auffassung die höhere Nahrungsaufnahme bedeute für ihn eine Selbstzerstörung und würde ihm nur schaden, weshalb er sich sich nicht mehr in unser Konzept einfügen könne.

 

Es dauerte ziemlich lange, bis sich die Symptome wieder legten und durch die desaströsen Erfahrungen verbesserte sich auch danach meine Verdauung nicht mehr und ich konnte wochenlang fast überhaupt nichts essen.

Ich bin ein großer Fan von Daniel Mackler. Von diesem Lied habe ich gerade einen Ohrwurm.

Eine ausgezeichnete Einführung, wie Psychiatrie funktioniert.



Download
An Experience Much Worse Than Rape’: The End of Force-Feeding?
Ein Kapitel aus dem Buch "A History of Force Feeding" von Ian Miller.
Das vollständige Buch ist hier zu lesen: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-319-31113-5
Miller2016_Chapter_AnExperienceMuchWorse
Adobe Acrobat Dokument 333.6 KB




Ein Dokumentarfilm von Daniel Mackler über Schizophrenie, wo die Heilungserfolge ohne Psychopharmaka deutlich besser sind.



Ein humorvoller Scientologe und die deutsche Greta, welche bedauerlicherweise etwas kamerascheu ist bei der Ausstellung "Psychiatrie - Nebenwirkung Tod".

Ein Kritikpunkt von N. (Foto links) war, dass auf der Patientenverfügung Lobotomie genannt wird, obwohl diese in der Gegenwart nicht mehr praktiziert wird, und dass den Menschen auf diese Weise Angst gemacht wird. Die Psychiatrie hat aber besser getarnte Nachfolger entwickelt, wie Dr. Peter Breggin in diesem Video erklärt.

 

 

 

 

 

 

Elon Musks Brain Chip geht in die selbe Richtung.