Krankenhaustraumata

 

 

Den fiktiven Charakter meiner Kurzgeschichte will ich "Patient B" nennen (weil Patient A schon vergeben ist). Es handelt sich um ein leptosomes, etwas ungepflegtes Individuum mit einer langen Liste von psychiatrischen Diagnosen, von denen manche erst in zukünftigen DSM-Versionen auftauchen werden.

Eines Tages spricht ihn die Stationsärztin an, da sie ein Objekt für eine Studentendemonstration (Brustabhorchen) benötigt. Da Patient B ein sehr hilfsbereiter Mensch ist, stimmt er ohne zu Überlegen zu. Im Untersuchungszimmer ändert die Frau Doktor ihre Meinung, dass es doch eine Ganzkörperuntersuchung sein soll, und Patient B sich bitte bis auf die Unterhose ausziehen soll. Dann beginnt sie ihn zu Demonstrationszwecken abzutasten. Patient B ist keine Berührungen gewöhnt und die Ärztin ist zwar keine überwältigende Schönheit, aber im zeugungsfähigen Alter und trägt einen weißen Kittel. Mit wachsenden Horror bemerkt Patient B, dass sich etwas in seinem Schritt zu regen beginnt. Er würde am liebsten vor Scham im Boden versinken und bereut in diesem Moment, dass seine Antidepressiva (welche eine einzige positive Wirkung haben) in den letzten Monaten im Mülleimer gelandet sind. Als er am nächsten Tag bei der Visite das Vorkommnis anspricht, antwortet die Ärztin mit starrem Gesichtsausdruck und monotoner Stimme, sie hätte nichts gemerkt und es wäre eine rein professionelle Untersuchung gewesen. Patient ist sehr skeptisch, da er die manipulative und berechnende Natur des anderen Geschlechts sehr gut kennt. Er weiß auch, dass sie diese emotionslose Maske sehr lange vor dem Spiegel einstudiert hat, aber hätte nicht trotzdem jedes gesunde weibliches Wesen in ihrem jugendlichen, fast noch spätpubertären Alter (28) in dieser Situation loskichern oder zumindest erröten müssen? Hat sie wirklich nichts bemerkt?

 

Auf der Station gibt es ein Mädchen, bei der die fehlende Oberweite zu Magersucht geführt hat. Patient B würde ihr gerne sagen, dass sie doch dankbar sein sollte, keine große Brüste zu haben, da diese nur gesundheitliche Probleme (Rückenschmerzen, Brustkrebs) mit sich bringen und früher oder später als Hängebrüste enden - bei Frauen, die BHs tragen, sogar schon in sehr jungen Jahren. Die einfache Lösung für sie wäre, einen Mann mit einem komplementären „Problem“ zu finden, die Therapeuten finden aber noch nicht einmal die naheliegendsten Antworten, von ihnen kommen nicht sehr hilfreiche Ratschläge wie „sich Socken in den BH stopfen“.

Sie sollte sich die aktuelle Miss Germany anschauen, welche trotz ihrer (künstlichen?!) Brüste weniger weibliche Energie hat als sie, ganz zu schweigen von der Miss Spain, welche sogar offiziell keine geborene Frau ist, große Brüste waren in den 90ern mal in Mode.

 

Das männliche Äquivalent wäre der Mikropeniskomplex, welcher schon manchen Mann in den Suizid getrieben hat. Patient B hält es für die größte Absurdität, dass seinen Geschlechtsgenossen (und wie er gehört hat, auch einigen Frauen) die Größe des mit  Abstand unansehnlichsten Organs von so großer Bedeutung ist, dessen Primärfunktion das Wasserlassen sein sollte. Er identifiziert sich als Sigma-Männchen und MGTOW und findet das Balzverhalten seiner Mitmenschen ziemlich lächerlich. Nur in Momenten, in denen er vollkommen ehrlich mit sich selbst ist, würde er auch gerne ein Sexuallockstoff-ausströmendes Alpha Männchen sein. Dann würde er auch einen weißen Kittel tragen, sich seine Geheimratsecken überkämmen, wäre mit vier Kindern glücklich verheiratet und hätte zwei Geliebte. Erst ein sehr gut ausgebildeter Tiefenpsychologe machte ihn darauf aufmerksam, dass seine starke Abneigung gegenüber Ärzten in Wirklichkeit Neidgefühle sein könnten. Diese Realität versucht Patient B aber so gut wie möglich zu verdrängen.

Und doch lässt ihn dieser Vorfall gedanklich nicht los. Am ersten Tag würde er gerne klar stellen, dass es ein rein physiologischer Reflex ohne geistige Involviertheit und auch keine vollständige Erektion war, am zweiten Tag dass er im Kamasutra jedenfalls nicht in die Hasen-Kategorie gehört. Er überlegt, wie er bei der Visite unauffällig seine Schuhgröße (46-47) ins Gespräch einfließen lassen kann. Die Ärztin hat aber im Studium gelernt, dass Patienten mit bestimmten Diagnosen besonders anfällig für das Stockholm-Syndrom sind und sich sehr schnell unsterblich in ihre Ärzte/Therapeuten verlieben, wenn diese ihnen zu viel Aufmerksamkeit schenken und wurde angewiesen bei den Visiten auf keinen Fall Smalltalk zu machen.

Da orgasmische Dysfunktionen ein internistisches Problem ist, und in ihren Aufgabenbereich fällt, überlegt er, sich von ihr über mögliche Behandlungsweisen beraten zu lassen und vorzuschlagen F52.4 (DSM-5) als Diagnose in den Arztbrief aufzunehmen, damit es zur Abwechslung mal eine Diagnose gibt, die auch zutrifft, lässt es dann aber, weil es vermutlich vom Personal nur als Anzüglichkeit missverstanden werden würde. Er fragt sich, warum die Schulmedizin, die sonst zwanghaft irrelevante Patientendaten sammelt (wen interessiert die Herzratenvariabilität?), welche definitiv nicht pathogen sind, dagegen nicht amtlich feststellt, ob andere Körpermaße im Normbereich liegen.

Am dritten Tag entwickelt er dann sogar einen psychogenen Noro-Virus und kotzt die Toilette voll. 8 Monate später erwähnt er beiläufig in einem Brief an eine andere Stationsärztin eine soziologische Studie, welche eine Korrelation zwischen Körpergröße und anderen männlichen Extremitäten beweist.

 

 

Schweren Herzens muss sich Patient B eingestehen, dass er ein erneutes Trauma hat und begibt sich zu seinem Notizbuch um unter "iatrogene Schäden" den 73. Eintrag zu machen.

P.S. Durch Psychologen hat der Verfasser auch endlich verstanden, warum er in den Tropen täglich Papaya essen musste. Als Zeichen seiner grenzenlosen Dankbarkeit hat er ihnen zum Abschied eines seiner Lieblingsbücher geschenkt, was leider als passiv aggressive Handlung missverstanden wurde.

Ich bin ein großer Fan von Daniel Mackler. Von diesem Lied habe ich gerade einen Ohrwurm.

Eine ausgezeichnete Einführung, wie Psychiatrie funktioniert.



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An Experience Much Worse Than Rape’: The End of Force-Feeding?
Ein Kapitel aus dem Buch "A History of Force Feeding" von Ian Miller.
Das vollständige Buch ist hier zu lesen: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-319-31113-5
Miller2016_Chapter_AnExperienceMuchWorse
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Ein Dokumentarfilm von Daniel Mackler über Schizophrenie, wo die Heilungserfolge ohne Psychopharmaka deutlich besser sind.



Ein humorvoller Scientologe und die deutsche Greta, welche bedauerlicherweise etwas kamerascheu ist bei der Ausstellung "Psychiatrie - Nebenwirkung Tod".

Ein Kritikpunkt von N. (Foto links) war, dass auf der Patientenverfügung Lobotomie genannt wird, obwohl diese in der Gegenwart nicht mehr praktiziert wird, und dass den Menschen auf diese Weise Angst gemacht wird. Die Psychiatrie hat aber besser getarnte Nachfolger entwickelt, wie Dr. Peter Breggin in diesem Video erklärt.

 

 

 

 

 

 

Elon Musks Brain Chip geht in die selbe Richtung.